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Bevor "Freiheit" zum meistmi?brauchten Terminus unserer Begriffswelt wurde, war dies zweifellos "Heimat". "Heimat" führt das Schattendasein eines geschundenen Begriffes, und zwar in Ost und West. Was Heimat ist und was unter Heimat kommuniziert wird, ist ein himmelweiter Unterschied.
Darin erschöpfen sich schon die Ost-West-Gemeinsamkeiten - kommen wir zu den Unterschieden.
Fragt man Ostler, woran sie bei Heimat denken, wird wahrscheinlich jeder antworten: "Da gab es doch dieses Lied..." Das Lied hei?t "Unsre Heimat". Der Text ist von Herbert Keller, komponiert hat Hans Naumilkat.
Unsre Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer
unsre Heimat sind auch all die Bäume im Wald
Unsre Heimat ist das Gras auf der Wiese, das Korn auf dem Feld
und die Vögel in der Luft und die Tiere der Erde
und die Fische im Flu? sind die Heimat
Und wir lieben die Heimat, die schöne
Und wir schützen sie, weil sie dem Volke gehört, weil sie unserem Volke gehört.
Dieses Lied hatte nur diese eine Strophe. Das erstaunlichste an diesem Lied war zweifellos seine Melodie. Dank seiner Melodie wurde dieses Lied zu einem modernen Volkslied. Das Tempo ist getragen, der Rhythmus ist anfangs noch elegisch, später aber wiegend, fast schon beschwingt - er erinnert an eine Plastiktüte, mit der der Wind spielt. Obendrein gibt es einen reizvollen Wechsel von der Dur- und die Molltonart und wieder zurück. Die Komposition ist erkennbar modern - ohne avantgardistisch zu verschrecken. Die Komposition drückte in gewisser Weise die Utopie vom Sozialismus aus: Sie war neu, sie war schön, sie war mehrheitsfähig und populär.
Nun ist die Musik bekanntlich "die Hure, die mit jedem Text geht" (Wolf Biermann). Und tatsächlich lä?t der Text kaum Zweideutigkeiten aufkommen: Er behauptet forsch ein "wir", das die schöne Heimat liebt und schützt, weil "unsere" Heimat "unserem" Volke gehört. Wobei das schützen der Heimat nicht Naturschutz, sondern Landesverteidigung meint. Selbst wenn man dem Texter Herbert Keller unterstellt, er meinte ganz naiv Naturschutz, so war doch der Alltagsgebrauch vom "Schutz der Heimat" verschlissen durch Plakate, die bestahlhelmte Soldaten zeigten. Der Text lä?t einem nicht die Wahl, die Heimat zu lieben oder nicht - und das war schlie?lich der Grund, weshalb ich diesem Lied vom ersten Hören an mit Skepsis begegnete: Ich wollte mir schon selbst aussuchen, was ich liebe. Und vermutlich wollte ich auch nicht chorsingend von meiner Liebe künden. Das, was ich liebe, will ich selbst entdecken und ich will der einzige sein, der es liebt. Die Heimat schien mir beides nicht zu bieten. Und bis auf den heutigen Tag hat mir dieses Lied den Begriff "Heimat" verdorben, und ein Hauch von Peinlichkeit weht mich an, wenn ich z.B. sage, meine Heimat sei Berlin. Meine Heimat ist Berlin - nur reden will ich darüber nicht. Sonst kommt gleich einer, der von mir erwartet, ich solle Berlin lieben und schützen.
Ich bezweifle, ob dieses Lied auf so verschlungenen Wegen durch die Gedanken und Gefühle der Ostdeutschen hindurchgegangen ist. Doch gewirkt hat es allemal, trotz heutiger gravierender Textunsicherheiten. "Unsre Heimat" ist gewi? eines der drei bekanntesten Lieder des DDR-Liedguts, möglicherweise sogar das bekannteste. Klar ist auch, da? "Unsre Heimat" - wie auch immer - im Osten den Begriff von Heimat prägte.
Natürlich war es nicht nur dieses Lied: Auch die Plakate "Meine Heimat, die DDR" oder "Unsre Heimat wird 30" stellten den Heimatbegriff in einen propagandistischen Zusammenhang und verdarben ihn gründlich - bis heute. Wer im Osten über Heimat redet, macht sich automatisch verdächtig, ein DDR-Nostalgiker zu sein. Auch die Medien profitieren vom undefinierten "Heimat"-Begriff. Neues vom Yeti gibt's nicht jeden Tag, und trotzdem mu? die Zeitung jeden Tag voll werden - und aus dieser Not heraus lä?t sich alle zwei Wochen eine "neue Heimatlosigkeit der Ostdeutschen" entdecken. Beispielsweise wurde das Verschwinden der DDR-Programmzeitschrift "ff dabei" im ca. siebten Jahr der Einheit zu "einem Verlust von einem Stück Heimat" hochgeschrieben. Was heimatmä?iges is irgendwie voll hip.
Während die Benutzung des "Heimat"-Begriffes im Osten niemandem wehtut, weil es alles bedeuten kann, erkennen sich im Westen Freund und Feind daran, ob sie dieses Wort im Munde führen - vorausgesetzt, Freund und Feind sind unverbesserlich und sittenstreng. "Heimat" war für anständige Menschen lange tabu, weil von den Nazis mi?braucht. Da die Nazi-Ideologie ständig verlogene Gefühle mobilisierte und sich auch der Heimatgefühle bemächtigte, wurde "Heimat" zum Bestandteil des Verbrechens. Wer Heimat sagt, so hie? es mehr oder weniger deutlich, hat aus Auschwitz nichts gelernt. Zumal Deutschland als Strafe für Auschwitz nach dem zweiten Weltkrieg Territorium an seine Nachbarn abtreten mu?te, und die Bewohner jener Gebiete mu?ten, wenn sie Deutsche bleiben wollten, ihre Heimat verlassen. Sie waren "Heimatvertriebene". Jedes Jahr zu Pfingsten fordern sie ihr "Recht auf Heimat", und weigern sich verstockt einzusehen, da? das deutsche Volk für Auschwitz auch bü?en mu? - und sei es mit Vertreibung aus der Heimat. Fast schon logisch, da? ausgerechnet jene am ungeniertesten von Heimat sprachen, jene Unverbesserlichen waren, die die europäische Nachkriegsordnung in Frage stellten. Und solange sogenannte "Heimatfilme" ein stockkonservatives Idyll zeigten (das in seiner "Vorzeigbarkeit" und systematischen Realitätsausblendungen den Heimat-DDR-Propagandaplakaten glich) blieb "Heimat" ein gefühlsduseliges Wort der Ewiggestrigen.
"Heimat" hätte mindestens entstaubt werden müssen, wenn nicht neu erfunden. Das Verdienst des Filmemachers Edgar Reitz, sein elfteiliges Film-Epos von 1984 "Heimat" zu nennen, ist nicht hoch genug einzuschätzen. Reitz setzte dem verschlissenen Begriff einen Film entgegen, der unbeirrbar, ernsthaft und mit unendlich viel Zeit sein Thema einkreist. Der Film lie? deutlich werden, da? Heimat ein ungemein lebendiges Phänomen ist - ob man es nun wahrhaben will oder nicht. Der Film wurde bei seiner Ausstrahlung im deutschen Fernsehen ein Stra?enfeger. Die Linken waren verwirrt, da? Heimatgefühle nicht zwangsläufig mit Verlogenheit einhergehen, die Rechten waren verwirrt, da? Heimat nicht zwangsläufig Idyll ist. Indem der Heimatbegriff weder schwarz noch wei? verstanden wurde, sondern in eine Ambivalenz gestellt wurde, war er plötzlich wieder lebensfähig und glaubwürdig wie nie zuvor. Der Begriff "Heimat" taugte plötzlich zum Gegenstand hochproblematischer Auseinandersetzungen. Heimat war plötzlich etwas, das sich zugleich lieben und verfluchen lie?.
Mittlerweile, scheint mir, haben sich die alten Lager wieder gebildet. (Nicht zu denken war schon immer bequemer als zu denken.) Aus den Zentralen der um sich greifenden Verblödung, "Fernsehen" genannt, werden "Heimatliche Melodien" ausgestrahlt, die ihre Zielgruppe im fortgeschrittenen Alter nie verfehlen. Die Linken hingegen nehmen den Begriff Heimat nur in den Mund, wenn sie auf das harte Los der Asylanten und Bürgerkriegsflüchtlinge hinweisen, die "ihre Heimat verlassen mu?ten".
Aber davon abgesehen, gilt es heute als altmodisch, die Heimat an einem Ort haben zu wollen. Der Mensch von heute finde seine Heimat in der Zeit, in einer Zeitgenossenschaft, in den herrschenden Moden und Trends, die er miterlebt und denen er sich unterwirft, in den Fernsehserien, die er sich anschaut, in den Stars, die er anbetet. Vielleicht ist das auch ein Ausdruck der Globalisierung. Sie kann uns um so besser zu Nomaden machen kann, je weniger es für uns eine Rolle spielt, da? jeder von uns mal irgendwo zu Hause war und immer eine Zugehörigkeit empfinden wird - eine Zugehörigkeit (wie prekär auch immer) zu einem Kosmos, der sich aus Hügeln, Mauern, Bäumen, Stra?en, Häusern, Menschen, Dialekten, Ritualen, Festen, Gerüchen und Klängen zusammensetzt.
Thomas Brussig
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